Sophie Mangelsen, Künstlerin und Therapeutin

Portrait einer Frau auf dem Boxhagener Platz
Foto: she.berlin

Liebe Sophie, du arbeitest als Psychotherapeutin und als Künstlerin. Wie findest du Inspiration für deine Werke?

Mich inspirieren Menschen und deren Emotionen. Vor allem das, was im Verborgenen in uns liegt, ist mein Thema – das Unbewusstsein.

 

Ich fange bei meinem eigenen Unterbewusstsein an und mutmaße, wie es bei den anderen ist. Das versuche ich auch im Therapeutischen mit den anderen Menschen gemeinsam zu ergründen. Es ist spannend, wie sich unsere Psyche zeigen kann, ob in Krisen, in Träumen, in einem Wutausbruch oder in einem großen Freudenschrei. Das, was so verborgen in uns ist und dann auch mal durchbricht, das inspiriert mich am meisten.

Wie zeigt sich das dann in deinen Bildern?

Momentan merke ich in mir einen Hang zu noch mehr Einfachheit. Ich sortiere gerade mein Leben aus und merke, dieser tolle Spruch „weniger ist mehr“ hat so viel Tiefe.

Mir wird immer bewusster, meine Kreativität braucht Freiraum, eine Leere und auch mal so etwas wie eine Langeweile. Das kurbelt so viel an. Diese innere Leere meine ich nicht im Sinne von einer großen Depressivität, sondern dass da Raum für ganz viele Möglichkeiten ist, die sich entfalten können. Für Kerne, die zu Blüten werden. Daher versuche ich immer mehr Minimalismus in meine Bilder reinzubringen.

Im letzten Jahr habe ich ein bisschen angefangen mit Gold zu arbeiten und es zieht mich immer mehr dahin. Ich finde Gold hat als Edelmetall etwas ganz Einfaches, etwas sehr Grundlegendes und dennoch auch sehr Schönes und Elegantes.

 

Wie empfindest du Berlin?

Ich finde Berlin ist sehr grau. Und dieses Grau ist cool, das ist schön, das ist irgendwie schnoddrig, das ist dreckig, staubig. Ich habe eine Weile Strukturen mit Beton gemacht, dazu hat mich dieses roughe und graue Berlin inspiriert.

Letztes Jahr bin ich viel in der leeren Stadt in meinen Lieblingsvierteln, wie zum Beispiel Schöneberg oder Prenzlberg, spazieren gegangen. Das war einfach schön und da habe ich die Farben auf mich wirken lassen. Daraufhin habe ich eine Berlin-Serie gemacht. Das war eine total schöne Reise, vor allem während Corona. Seitdem ist die Stadt in mir noch mehr Thema, was sich immer mehr in meinen Bildern wiederfindet.

Und diese Berlin-Serie war dann irgendwie so ein Kicker. Die ging mega schnell weg. Das hat mich überrascht und natürlich gefreut. Da hängen die Bilder jetzt in London oder in den USA. Die Leute wollten unbedingt ein Bild, was von Berlin inspiriert ist, haben.

 

 

Frau sitzt auf dem Boden und mal ein Bild
Foto: Sophie Mangelsen

Was hat dich wieder nach Berlin geholt? Du hast in Paris gelebt - wieso wieder Berlin?

Paris war eine superschöne, intensive Zeit. Doch ich habe nach dreieinhalb Jahren Paris gemerkt: „Ich glaub’ ich brauch’ mal wieder mal ein bisschen mehr Entspannung.“ Ich meine, Paris bietet wirklich ein tolles Leben, ein ganz inspirierendes und tolles Flair und es ist mein zweites Zuhause. Doch die Stadt verschluckt dich irgendwann und ich hatte das Gefühl, wenn ich nicht langsam mal gehe, gehe ich gar nicht mehr weg. Deswegen wollte ich wieder in meine Heimatstadt, nach Berlin.

Ich habe durch mein Masterstudium dann eine Zeit lang in Leipzig gelebt und bin anschließend nach Berlin gezogen. Seitdem liebe ich Berlin und auch wenn ich nochmal woanders leben will, zieht es mich nicht mehr so schnell weg.

Ich glaube, die Stadt hält auch jung, der viele Austausch, das schnelllebige Leben, überall Inspiration und Input, visuell irgendwelche Stimuli, die dich die ganze Zeit beeinflussen. Das hält jung.

Du hast mal geschrieben: „Kunst ist die größte Form der Hoffnung“. Bist du ein hoffungsvoller Mensch? (TW:Tod)

Ja, das bin ich! Ich glaube, die Hoffnung ist das, was mich persönlich antreibt. Das finde ich auch bei anderen Menschen wieder. Das ist der Grund, warum du weiterlebest, so, wie du lebst oder warum du etwas verändern willst. Das kann zum Beispiel sein, um noch mehr Ruhe reinzubringen, noch mehr Friedlichkeit, noch mehr Gesundheit. Hoffnung ist ein Riesenmotivator und ich glaube einer der Größten überhaupt.

Ich war eine Zeit lang in der Krebsforschung auf der Onkologischen Station und war ganz stark mit dem Thema Hoffnung konfrontiert. Da stellte sich die Frage, was machst du, wenn dein Leben bald zu Ende sein wird? Wie lebst du in diesen paar Tagen? Entwickelst du eine Apathie, wirst du wie blind vor Hoffnung, bagatellisierst du die Situation, kommt ganz große Abwehr wie „passiert schon alles nicht“ oder findest du eine kleine Hoffnung. Das kann die Einsicht sein doch noch jeden Tag auf eine schöne Art zu genießen oder noch ein bisschen Zeit mit meiner Familie zu verbringen, Lichtblicke zu haben und ein bisschen Freude zu finden, Spaß zu haben und mit anderen Menschen zu lachen. Das heißt, Hoffnung ist für jede:n etwas anderes. Das kann etwas Großes oder etwas Kleines sein. Aber das ist der Grund, warum wir morgens aufstehen.

 

Man muss auch im Kopf haben, dass es in unserer westlichen Gesellschaft einfach ist das zu sagen. 

 

Wie beeinflusst deine Arbeit deine Kunst? Nimmst du aus den Gesprächen etwas mit?

Dadurch, dass ich ja im direkten Kontakt mit dem Intimsten der Menschen bin, nehme ich natürlich sehr viel auf. Dann habe ich im Anschluss meine eigene Emotionalität, die ich in die Kunst auch reinbringe.  

 

Wie schaffst du es die Gedanken, Gefühle und Geschichten der Patient:innen nicht mit nach Hause zu nehmen?

 

Das Wort heißt Abgrenzung. Das ist, was jeder, der Psychotherpeut:in werden möchte, lernen wird und muss. Mir hat mein Supervisor letztens gesagt, er findet es sehr schön, dass ich sehr nah an die Menschen gehen kann und es trotzdem schaffe, einen Abstand zu wahren. Das hat mir Mut gemacht. Denn wenn du zu sehr verwickelt bist, kannst du nicht mehr reflektieren. 

Gelingt dir das immer?

Sagen wir es so: Ich schaffe es immer mal wieder mehr oder weniger. Natürlich gehen mir viele Geschichten näher als andere, je nachdem, was es in mir selber triggert. Ich habe auch mal geweint, als ich aus einem Gespräch rausgegangen bin. Das war aber auch nicht schlimm. Das heißt nicht, dass die Abgrenzung nicht funktioniert hat. Es heißt nur, dass auch ich als Gegenüber ein Mensch bin, der auch mitfühlend ist. Das ist ja auch sehr wertvoll.

 

Möchtest du weiterhin als Künstlerin und Therapeutin arbeiten oder wird es irgendwann eine Entscheidung geben?

Ich habe nicht das Gefühl mich irgendwann entscheiden zu müssen. Ich finde, das kannst du sehr schön kombinieren. Phasenweise werde ich die Intensitäten wechseln. Momentan ist es zeitlich sehr ausgeglichen, in Zukunft kann ich mir vorstellen mehr Kunst zu machen und etwas weniger Patient:innen zu haben. Teilweise kann ich es in der Kunsttherapie sogar kombinieren.

 

Ein konkretes Ziel hab ich jedoch: Ich möchte eine eigene Galerie eröffnen, aber nicht nur mit meinen Bildern darin, sondern auch mit internationalen Künstler:innen.


Wen möchtest du mit deiner Kunst erreichen?

Ich möchte gerne diejenigen erreichen, die sich dadurch berührt fühlen. Kunst ist immer sehr subjektiv und ich habe nicht den Anspruch da militant zu sagen: „Interessier dich jetzt.“ Vor allem mache ich abstrakte Kunst, das ist ja nicht für jeden was.

Ich bin gern bei meinen Vernissagen anwesend, komme mit Interessierten ins Gespräch und in den Austausch über Abstrakte Kunst. Die Frage: „Was berührt dich da?“, ist spannend für mich.

Ein kleiner Nebenanreiz ist natürlich, wenn Interessenten dich persönlich kennenlernen können. Einige sagen nochmal eher: „Die Künstlerin ist ja eine nette Person und das Werk berührt mich. Das möchte ich in meinem Alltag, in meiner Wohnung, in meiner Wohlfühlzone haben. Das nehme ich mit.“ Das ist einer der schönsten Momente.

Es freut mich natürlich, wenn Leute die Bilder kaufen, aber wichtiger ist es die Bilder zeigen zu können.

Daher finde ich es schön in so einfach zugänglichen Orten auszustellen, wie z.B. in Restaurants, Cafés oder Friseursalons. Nicht alle Leute gehen in eine Galerie, denn da gibt es immer eine Glasscheibe, durch die du dich trauen musst reinzugehen. Das ist für manche eine Hemmschwelle. In einem Restaurant sitzen die Leute sowieso und genießen ihr Essen und dann sehen sie auch noch schöne Kunst. Das passt für mich sehr gut zusammen.

 

Was möchtest du anderen Menschen mitgeben, die Kunst machen wollen?

Ich denke, Personen, die diese Ausdrucksform in sich haben, kommen über kurz oder lang wieder zur Kunst. Sie müssen sich nur trauen. Der Weg dahin ist ein individueller und vielleicht auch langer. Viele sind schon in der Kindheit zur Kunst gekommen. Häufig investieren wir unsere Zeit dann doch in etwas anderes und schlagen einen anderen Weg ein. Interessant ist es dann, dass die Kunst häufig trotzdem immer wieder eine Abzweigung im Leben ist.

Ich möchte die Leute motivieren, sich das zu trauen und sich einzugestehen, dass sie eine Ausdrucksform brauchen. Jeder braucht das. Einige machen Musik, manche Schreiben, manche treffen sich auch einfach mit Freunden oder was ganz anderes. Aber so ein kreativer Ausdruck ist wichtig. Das braucht Zeit und ein bisschen Mut, sich diese Momente auch zu schenken.

 

Welche Galerien sollten die Leser:innen unbedingt besuchen?

Zu meinen persönlichen Galerie-Highlights hier in Berlin zählen auf jeden Fall das C/O Berlin - immer wieder einen Besuch wert! Die Galerie König, weil sie einen guten Raum für jüngere Künstler*innen bietet und - als Klassiker - die Ausstellungen des Hamburger Bahnhof.

Besuchen werde ich demnächst auf jeden Fall noch die aktuelle Ausstellung "Picasso. Les Femmes d’Alger." im Museum Berggruen. Picassos Werke auf sich wirken zu lassen, kann ich jedem nur wärmstens empfehlen. 

 

AÉRÉ / 20x20cm / Acryl auf Leinwand
AÉRÉ / 20x20cm / Acryl auf Leinwand

Und wo stellst du aktuell aus?

Aktuell sind meine Werke hier zu sehen:

THE ROSE. BERLIN @therose.berlin

Ristorante Minela, Altlandsberg

(bei beiden gestalte ich dauerhaft deren Interior)

Café Tucano, Berlin

Rathaus Fredersdorf

Stadtkirche Altlandsberg

Krankenhaus Strausberg

 

 

In Vorbereitung sind auch noch ein paar internationale Ausstellungen, die allmählich wieder gehen werden.

 

Sophie verlost gemeinsam mit uns ihr eines ihrer Werke. Für mehr Informationen zum Gewinnspiel schaut am 05.08.2021 auf unserer Instagram Seite vorbei!

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