Josephine Rais, Illustratorin

junge Frau sitz mit angewinkelten Beinen seitlich auf einem Stuhl und schaut in die Kamera
Foto: Daniel Stuhlpfarrer

Liebe Josephine, dieses Jahr war bei dir schon viel los. Neben deinem Gewinn des ABOUT YOU Awards im Bereich „Digital Art“ hast du mit großen Kunden wie z.B. Adidas gearbeitet. Wie schaffst du es Auftraggeber:innen für dich zu gewinnen?

Da muss ich sagen, ich hatte wirklich in meiner bisherigen Laufbahn, was Kundenarbeit angeht, super viel Glück. Es war oft so, dass die Kunden:innen auf mich zukamen und sagten: „Wir finden gut, was du machst und deswegen möchten wir mit dir zusammenarbeiten.“ So war es auch mit Adidas, die sind auf mich zugekommen. Deswegen konnte ich frei in meiner Art und Weise sein, was ich denen liefere.

 

Hast du bei allen Auftraggeber:innen kreative Freiheit?

Ich hatte einmal einen Editorial Kunden, bei dem war es komplett anders. Er sagte immer wieder: „Ach, mach doch noch da mal ein bisschen dünner“ und: „Mach die Frau mal ein bisschen weniger asiatisch.“

 

Wie hast du darauf reagiert?

Da habe ich noch versucht dem Kunden das zu geben, was er will. Ich habe die Illustration aber nur so minimal angepasst, dass man es kaum sah und dann die neue Version hingeschickt. Irgendwann wurden sie müde nachzufragen.

 

In dem Moment war mir der Kunde zu wichtig, das hat mich im Nachhinein sehr geärgert. Natürlich fühlte sich das ziemlich scheiße an. Eigentlich hätte ich gerne den Mund aufgemacht, doch ich hatte mich das noch nicht getraut. Danach habe ich beschlossen: „Ein zweites Mal lasse ich das nicht zu!“

 

Natürlich reden die meisten über sowas nicht gern, denn wir möchten ja auch was nach außen vertreten. Ich versuche ehrlich Diversität abzubilden und zu sagen: „Ich stehe dazu, was ich mache.“ Trotzdem ist da natürlich Druck, Aufträge zu bekommen und ich muss letztlich auch bezahlt werden. Es ist ein krasser Balanceakt, aber ich zeichne die Personen aus einem Grund so und meine das auch wirklich ernst.

Im Endeffekt möchte ich immerhin in der Gesellschaft was verändern, auch wenn das so riesig klingt.

 

Wie gehst du mit solchen Fehlern um?

Ich habe erst gelernt mit den Fehlern, die ich mache, anders umzugehen und sie nicht totzuschweigen oder unter den Tisch zu kehren. Nun weiß ich: „Mach ich, macht jede:r.“ Ich hoffe nur, dass die Gesellschaft auch bald besser damit umgeht. Ich finde gerade das mit dem Finger auf andere Zeigen, andere zu beschuldigen und auf die Fehler von anderen loszugehen ist echt schlimm geworden. Das führt auch dazu, dass Leute richtig Angst haben Fehler zu machen und im Endeffekt auch mal einen Fehltritt zuzugeben.

 

Du bezeichnest deine Illustrationen als „farbenfroh, lebhaft, positiv und gesellschaftskritisch“. Hast du das Gefühl, Gesellschaftskritik zu üben ist eine Aufgabe von Kunst?

Ich finde, Kunst kann fast alles machen. Ich mag nicht so gern kategorisieren, doch für mich hat Kunst immer eine Form der Gesellschaftskritik. Ich glaube, dass kann man gar nicht verhindern. Alles, was Künstler:innen, Illustrator:innen oder Designer:innen machen, hat irgendwo einen Ursprung und existiert ja nie einfach nur so. Manchmal passiert das im Schaffensprozess unterbewusster, als wir denken.

 

 

Viele assoziieren mit Kritik etwas im Sinne von: „Ich finde irgendwo den Fehler.“ Wobei kritisieren nicht immer heißt, dass etwas negativ ist, sondern es auch bedeutet zu hinterfragen. Daher würde ich fast eher sagen, dass Kunst die Funktion hat etwas zu kritisieren, zu kommentieren oder irgendwas zu kommunizieren. Das ist manchmal sehr plakativ und mal ist es eher unterschwelliger.

Gerade etwas zu kritisieren bedeutet für mich, dass ich mich mit einem Thema auskenne und mich damit auseinanderzusetzten. Deswegen sind meine kritischsten Werke, die, die mit sozialen Medien zu tun haben. Damit beschäftige ich mich fast jeden Tag und ich kann dadurch am ehrlichsten und authentischsten meine Kritik äußern. Schwieriger ist es dann mit Themen wie Diversität, Homosexualität oder Transsexualität, da mich nichts davon selbst betrifft. Dann versuche ich eher darauf aufmerksam zu machen und Leuten einen Raum zu geben, die wirklich etwas zu der Thematik zu sagen haben. Das musste ich aber auch erst lernen.

Natürlich ist das anstrengend und ich habe auch Tage, an denen ich denke: „Was kann man, darf man, soll man?“ Dann fällt mir doch wieder ein, dass wir weißen cis-Menschen in einer privilegierten Situation sind und uns freiwillig damit beschäftigen. Das ist auch mal unangenehm, aber das ist das Mindeste, was wir machen können.


 Aktuelle Arbeiten von Josephine Rais

 

Sind genau diese Themen dein „Erfolgsrezept“ oder doch dein Stil?

Ich glaub die Kombination aus beidem. Auf Instagram habe ich eher das Gefühl, es geht um das Thema. Da ich Dinge anspreche, die andere bewegen und wo es Sichtbarkeit braucht.

Ich finde Stil ist etwas, das ändert sich so schnell. Auch was Trend ist und funktioniert. Gefühlt ist jeden Monat was Neues total interessant.

 

Bist du bei „deinem Stil“ angekommen?

Ich versuch immer wieder herauszufinden, wie sich mein Stil von der Optik und Ästhetik her entwickelt hat. Das sind ganz viele kleine Dinge, die mir in meinem Leben so passiert sind, die dazu beigetragen haben.

Daher gehe ich davon aus, dass da in Zukunft noch was kommt und sich mein Stil weiterentwickelt. Der Stil ist meiner Meinung nach ganz eng mit der eigenen Persönlichkeit verbunden. Wenn ich aufhöre mich mit meinem Stil weiterzuentwickeln, bedeutet das automatisch, auf persönlicher Ebene stehen geblieben zu sein. Das wäre für mich ganz schlimm.

Ich brauche zugegeben ziemlich viel Input um kreativ zu werden und mich zu entwickeln.

 

Hat es dich deshalb nach Berlin gezogen?

Ich glaube auch… Hier kann man nicht nur sehr viele unterschiedliche Dinge erleben, sondern auch die Leute, die in Berlin leben, haben eine ganz andere Attitüde.

Zumindest die meisten, die ich kenne, sind wirklich so „Macher:innen“. Es geht nicht so viel darum, was andere denken, sondern die packen einfach an. Und das ist eine Einstellung oder auch so eine Art Vibe, der auf mich übergreift. Ich finde es auch so inspirierend, dass die Leute nicht so viel Wert darauf legen, was andere sagen, sondern machen und schauen, was passiert. Zumindest wirken sie nach außen so.

Das hat mir zum Beispiel auch in der Selbstständigkeit unglaublich geholfen: Einfach mal machen und schauen, was passiert. Ich neige dazu mir mein Hirn zu zermatern und zu überlegen: „Was wäre, wenn?“ Das ist natürlich nicht immer unbedingt förderlich. Da versuche ich nun erstmal zu machen.

 

Hilft es dir als freiberufliche Künstlerin bei einer Agentur unter Vertrag zu sein?

Mir persönlich hilft es auf jeden Fall. Ich war auch schon eine Weile auf der Suche, bis dann „The Different Folk“ mich gefunden hat. Die Agentur regelt das ganze Bürokratische und auch Teile der Kommunikation für mich. Verträge beispielsweise sind ja schon auf Deutsch schwer, aber erst recht durch meine internationale Arbeit lasse ich das lieber Profis machen. Oft geht es darum, welche Rechte ich abtrete, etc. Das macht jetzt meine Agentin Rebecca, die einfach ultra geschult und erfahren ist. Ich bin so dankbar, dass ich mich nicht mehr so viel darum kümmern muss, sondern mich auf das kreative Schaffen fokussieren kann.

Akquise wäre auch ein Teil ihres Jobs, doch bei mir ist es tatsächlich gerade noch so, dass ich viele Anfragen bekomme und ausgelastet bin.

Was ich auch super schwierig finde, ist den eigenen Wert zu definieren. Mir fehlt oft das Selbstbewusstsein. Meine Agentin ist super taff, sagt Sachen an und wenn den Kund:innen das nicht passt, dann halt nicht. Ich glaub, das geht vielen Künstler:innen so, gerade weil dieses eigene Schaffen so aus dem ganz tiefen Inneren kommt. Es ist schwer, dem einen Wert beizugeben, der sich fair anfühlt.

 

Würdest du aufstrebenden Künstler:innen raten zu einer Agentur zu gehen?

Es kommt immer ein bisschen darauf an. Grade wenn man mit großen Firmen zusammenarbeitet, empfehle ich eine Agentur. Das hilft. Es gibt zum Beispiel das große Thema „Nutzungsrechte“, was in Deutschland oder zumindest bei meinen deutschen Kunden bisher kein Thema ist. Hier wird nicht so richtig verstanden, dass man die extra kaufen muss. Das heißt es oft: „Ich habe die Illustration doch schon bezahlt, wieso soll ich denn jetzt noch Rechte bezahlen?“

Auch meine Agentin Rebecca sagt, das viele Illustrator:innen keine Ahnung von Nutzungsrechten haben und auch falsche Preise verlangen. Ich hab bei Instagram schon Anzeigen gesehen von Künstler:innen, die Portraits für 60 US-Dollar anbieten. Da muss ich schlucken, denn davon könnte ich gar nicht leben. Natürlich sind das vielleicht Studend:innen, die das nebenbei machen und sich so was extra verdienen. Aber das macht den Markt kaputt. Das sind auch einfach keine Preise, an denen man sich orientieren sollte. Daher sind Agenturen so wichtig.

Falls Künstler:innen sich mit Agenturen nicht wohl fühlen oder keine finden: Es gibt im Internet auch eine tolle Seite*. Dort gibt es zum Beispiel einen Nutzungsrechte Kalkulator. Das hat mir am Anfang geholfen überhaupt mal eine Basis zu haben, mit der ich argumentieren kann.

 

Ich danke dir, liebe Josephine. Hast du noch einen Podcast-Tipp zum Thema Kunst oder Diversität?

Ich habe einen neuen Podcast angefangen, der heißt queer. Da wird auch arg viel erklärt, wie man richtig bezeichnet. Ich find es auch super spannend, weil man vieles einfach nicht weiß und es ist vor allem für cis-Menschen voll die wichtige Aufgabe, es zu machen.

 

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Hier findet ihr Josephine

Instagram: https://www.instagram.com/josephinerais/

Website:    https://josephinerais.com/

 

und ihre Tipps

Podcast: "queer einsteigen": von A bis LGBTQIA+ von Rasheed Moka und Jaky-Oh Weinhaus auf Audible 

Website für Illustrator:innen: https://illustratoren-organisation.de/

 

 

 

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